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Die Unsichtbare*

Foto: zwei geleitete Themenführungen mit der Historikerin N. Bennewitz führten u.a. auch zu diesem Denkmal. Inschrift: „An die lesbischen Frauen, die im Nationalsozialismus unter dem Vorwand von Prostitution, Asozialität, Kriminalität verfolgt wurden“

Gehen Sie einmal durch Ihren Wohnort von Denkmal zu Denkmal. Sie werden viel über Geschichte, Machtverhältnisse, Künstler, Handel, Mythen und vieles mehr erfahren.

Haben Sie auf Ihrem Weg die vielen Leerstellen entdeckt (nicht zu verwechseln mit „leeren Plätzen“!), die auf Denkmäler von Frauen, Minderheiten, … (Ihre Wahl!) warten? Auf Denkmäler, um deren Umsetzung und Gestaltung sich bisher noch niemand gekümmert hat.

Oktober 2021: große Plakatwände in Nürnbergs Zentrum und unmittelbarer Umgebung stellten zwanzig solch möglicher Leerstellen vor, zusammen mit Kurzbiografien von Frauen, deren Denkmäler diese Plätze und, ganz allgemein, uns alle bereichern würden. Die Plakate waren Teil der Kunstaktion DIE UNSICHTBARE* (www.die-unsichtbare-nbg.de). Dazu gehörte auch ein Begleitprogramm.

Frauen und Orte suchte Initiatorin Lisa Hrubesch zusammen mit einem engagierten, kompetenten Team aus. Sie alle gehören dazu: Lydia Maria Taylor (Projektleitung), Nadja Bennewitz und Annette Schuster (Wissenschaftlerinnen), Max Hoffmann (Technik), Claudia Holzinger, Raphael Unger, Alexander Mrohs (Grafik/Fotografie), Judith Lange (Assistenz). Sie fanden auch mehrere unterstützende Kooperationspartner.

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Die Unsichtbare*

Vorplatz des Nürnberger Staatstheaters (Foto), im Kunstprojekt DIE UNSICHTBARE* vorgeschlagen für ein Denkmal für

Friederike Caroline Neuber (1697 – 1760)

Zusammen mit ihrem Mann gründete sie die „Neuber´sche Komödiantengesellschaft“ in Leipzig. Sie reformierte die Arbeit des deutschen Theaters. Sie verbesserte die Arbeitsbedingungen und das Ansehen der Schauspieler*innen.

Viele Städte profitierten von ihrer Arbeit. U. a. führte sie ihr Weg auch nach Nürnberg, Braunschweig, Hamburg, Petersburg.

Fast ausschließlich in den östlichen Ländern Deutschlands wird an sie erinnert: „Häuser“, ein Denkmal in Dresden und mehr.

Eine Neuberin-Medaille verleiht die Stadt Reichenbach/Vogtland
In Blankenburg gibt es eine Stiftung und eine Straße mit ihrem Namen Zwei Preise sind nach ihr benannt: in Leipzig der Caroline-Neuber-Preis (seit 2020 erweitert durch das Internationale Caroline-Neuber-Stipendium), der INTHEGA-Theaterpreis „Die Neuberin“ (Sitz der INTHEGA = „Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen e. V.“ in Ludwigsburg).

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Caritas Pirckheimer

Die über Jahrhunderte schriftlich dokumentierte, gelehrte, historisch eindeutig belegbare säkulare und religiöse Geschichtsschreibung ist überwiegend die Geschichte der Macht, die der Mächtigen und Gewinner*innen und eine His-Story.

In Nürnberg gibt es eine wesentlich „menschlichere“ Erzählung über die Auswirkungen eines historischen Umbruchs – in der Sieg und Niederlage sich die Waage halten (bei Männern wie Frauen).

Barbara Pirckheimer (1467 – 1532): Mitglid einer Nürnberger „Adels“-/ Patrizierfamilie, mit einer hervorragenden humanistischen Bildung. So war es ihr als Erwachsene möglich, einen ausgiebigen (theologischen) Briefwechsel mit berühmten Gelehrten ihrer Zeit, aber auch eine tiefgreifende und zwingende Auseinandersetzung mit den Thesen und den mächtigen Vertretern der „Reformation“ zu führen.

Mit 16 Jahren tritt sie freiwillig in den Konvent der Klarissen ein und nennt sich nun Caritas.

Mit 36 Jahren (1503) wird sie Äbtissin. Ein wichtiges Anliegen ist ihr u.a. die Bildung der ca. 60 Klosterschwestern. Dazu gehörte auch das Erlernen der lateinischen Sprache, um den gelehrten und gelebten Glauben zu verstehen, sich mit diesem auseinandersetzen und im besten Fall verteidigen zu können.

Ab 1525 wendet sich Nürnberg der Reformation zu. Alle Klöster werden radikal geschlossen. Mönche und Nonnen werden zwangsweise ihrer Gelübde entbunden, ihren Familien „zurückgegeben“, verheiratet ….
Caritas und ihre Mitschwestern wehren sich heftig gegen eine Säkularisation (Nur eine Nonne verlässt freiwillig das Kloster). Mit Hilfe von Philipp Melanchton erreichen sie, dass der Stadtrat das Kloster weiter existieren lässt. Es darf nur keine neue Novizin mehr aufgenommen werden. 1596 stirbt das Kloster buchstäblich aus.

Sieg? Niederlage?

„Sieg“ aus heutiger Sicht: Caritas P. und ihre Schriften sind bis heute unvergessen. Die Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus beruft sich auf sie, auf ihr Pochen auf breite (Mädchen-/ Frauen-) Bildung, auf ihre Bereitschaft zum offenen und intensiven Dialog auch mit Fremden, mit Andersdenkenden – aber auch auszuhalten, „Ärgernis“ für Viele zu sein. Und auch heute noch existiert die Klarakirche mit vorbildlichen Angeboten für Student*innen und als sog. Citykirche. Der ehemalige Kreuzgang ist ein öffentlich zugänglicher, ansprechender, ruhiger Innenhof.

Es gibt zwei Skulpturen von ihr im Innenhof, ein Relief in der benachbarten Straße (angebracht 1972), eine Statue in der Klarakirche. Es gibt/gab auch ein Denkmal (1928 von Balthasar Schmitt), aber wo ist es heute?

Seit 2009 wird von der Akademie jährlich der Caritas-Pirckheimer-Preis verliehen. Die Pirckheimerstraße in Nürnberg ist nicht ihr, sondern ihrem Bruder Willibald gewidmet.

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Johanna Linde Hübsch

Ein ungewöhnliches Denkmal für eine ungewöhnliche Frau:

Johanna Linde Hübsch (1935 – 2002)

Auch sie stand durchgehend rund 40 Jahre auf den Märkten Nürnbergs (ca. 1958 – 1998), allerdings nicht als Bäuerin, sondern als Verkäuferin von Fertigsuppen, Fertigsaucen etc. einer bekannten Firma.

Alle, die sie kennenlernen durften, vom ehemaligen Schulkind bis hin zu den Erwachsenen, erinnern sich an ihre freundliche Art, an ihre Gabe zuzuhören – und an ihre Frage an Kinder, Kunden, Vorübergehende, ob Manager oder Obdachlose, …: „A Tässle Supp’n?“, ohne dass diese hinterher sich gezwungen fühlen mussten, etwas kaufen zu müssen. In einem Bericht über sie steht, dass sie täglich bis zu 300 l kostenlose heiße Brühe ausschenkte.

Nur so nebenbei: sie war Frau eines Pfarrers, so dass sie sicher auch Verpflichtungen in der Gemeinde hatte. Und sie hatte sechs Kinder. Sie muss eine unendliche Energie gehabt und in einem symbolischen Dorf gelebt haben – frei nach der Weisheit „Um Kinder groß zu ziehen braucht es ein Dorf“.

1999 bekam sie die„Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland

Im März 2003 wurde in Erinnerung an sie eine Linde gepflanzt (in der Nähe des Hauptmarkts, östlich der Lorenzkirche). Wer sie kannte und heute an dem Baum vorbeikommt „denkt daran, wie wohltuend eine Begegnung mit der Marktfrau und ihrer heißen Brühe war“ (NN 15.12.2018)

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„die Marcharedd“

Das Knoblauchsland, nördlich von Nürnberg, ist eines der größten zusammenhängenden Gemüseanbaugebiete seiner Art in Deutschland. Margarethe Engelhardt (ca. 1935 – 2001), hatte dort ihren Hof. Bei Wind und Wetter verkaufte sie von 1948 bis 1997 durchgängig auf dem Nürnberger Hauptmarkt die Erzeugnisse ihres Hofes.

Sie war „eine Institution“ und bei allen Kunden nur bekannt als „die Marcharedd„. Ihre Standardbegrüßung „Was braung mern heit?“ („Was brauchen wir heute?“) war legendär.

Sie blickt auch heute noch durchgängig und ungehindert auf „ihren“ Hauptmarkt“: Zur Erinnerung an sie gestaltete die Künstlerin Barbara Kastl-Salaris 2001 eine Bronzebüste, die an der Südostecke des Hauptmarktes angebracht ist.

Foto: Dank dir, Anaïs!

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missing icons

Seit Oktober 2021 steht das neueste Kunstwerk der beiden Künstlerinnen Andrea Knobloch (* 1961) und Ute Vorkoeper (* 1963), den „missing icons“, auf dem Nelson-Mandela-Platz, südlich des Nürnberger Hauptbahnhofs:
Ein Denkmal für Nelson Mandela in dessen Lebensgröße (ca. 183 cm.) mit einem Rohdiamanten in der gedachten Herzregion.
Obwohl es „nur“ aus aus einer durchsichtigen Acrylglasstele mit eingeschlossenem Diamanten besteht, ist es präsent, unübersehbar und zieht Jung und Alt an.

Die beiden Künstlerinnen arbeiten seit 2013 zusammen und gründeten 2017 „missing icons“. Auf ihrer Webseite schreiben sie u.a.: „missing icons sind real virtualities. Sie materialisieren Unsichtbares, Unbestimmtes und Unvorstellbares. …“

In Hamburg entsteht ab Oktober 2021 das nächste, aufrüttelnde, Kunstwerk „Stigma“.

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Kunigunde Schwab

1910 – 1997

1994 erhielt sie den Lina-Schneider-Preis der Nürnberger Bündnisgrünen für ihr „herausragendes Engagement zur Wahrung menschenwürdiger Lebensumstände“.

Ihr politisch aktives Leben begann sie in der Sozialistischen Arbeiter-Jugend und in der sozialdemokratischen Kinderfreundebewegung. 1932 wurde sie Mitglied bei den kommunistischen Jungen Pionieren.

1933 arbeitete sie als Sekretärin für zwei KPD-Abgeordnete.

Nachdem die KPD von den Nationalsozialisten verboten wurde, ging sie in den Untergrund. Zusammen mit der nun illegalen KPD-Bezirksleitung gab sie sechs Ausgaben der Zeitung „Blätter der sozialistischen Freiheitsaktion“ heraus.

Ihre Arbeit flog auf. K. Schwab wurde 1933 verhaftet und verbüßte bis 1934 eine Strafe, z.T. in Einzelhaft, in der Strafanstalt Aichach. Danach war es ihr (auch gesundheitlich) bis 1945 unmöglich, weiter politisch aktiv zu sein.

1946 wurde sie Abteilungsleiterin im Nürnberger Arbeitsamt.

Auch politische Arbeit war für sie wieder möglich:

1946 – 1956 war sie für die KPD Mitglied im Nürnberger Stadtrat.

1946, als Vizepräsidentin der Verfassungsgebenden Versammlung in Bayern, engagierte sie sich insbesondere für die Rechte der Frauen, z.B. auch dafür, dass Frauen und Männer uneingeschränkt gleichen Lohn erhalten.

Ihr Engagement für den Frieden (u.a. beim Kampf gegen die Wiederbewaffnung in den 1950er Jahren und bei der Arbeit in der Friedensbewegung in den 1980er Jahren) war bis zu ihrem Lebensende ungebrochen.

Die Kunstaktion DIE UNSICHTBARE* schlägt ein Denkmal für sie in Nürnberg (am Platnersberg) vor.